Der richtige Umgang mit Feedback von Betreuenden und Prüfenden

Was meint mein Betreuer eigentlich? Typische Rückmeldungen richtig verstehen

Konsultationen mit Betreuenden und Prüfenden sind als Feedback- und Beratungsgespräche Bestandteil vieler studentischer Arbeiten. In der Begleitung von Studierenden fällt mir immer wieder auf, dass die eigentliche Unsicherheit häufig erst nach einem Betreuungsgespräch entsteht. Hierbei gibt es Betreuer:innen, die vieles bereits vorgeben und andere, die den Studierenden ein Maximum an Freiheit im Schreiben lassen.

Bei denen, die diese Gespräche nutzen, um ihre betreuten Studierenden optimal vorzubereiten, werden während des Gesprächs oft viele Ideen entwickelt, diskutiert, verworfen, Hinweise gegeben und Fragen gestellt. Vieles erscheint zunächst nachvollziehbar. Zu Hause angekommen, entstehen nicht selten Unsicherheiten und Zweifel darüber, was genau der oder die Betreuende meinte, als er/sie sagte:

  • Die Theorie stärker herausarbeiten.
  • Den roten Faden verbessern.
  • Dieses und jenes genauer begründen.
  • Wissenschaftlicher formulieren.

Spätestens jetzt beginnen viele zu überlegen und es droht ein Zeit- und Motivationsverlust, weil Studierende aus Unsicherheit ins Stocken geraten. Womöglich bist auch du gerade in der Situation und deshalb hier bei diesem Beitrag gelandet. Ich möchte dir mit diesem Beitrag helfen, die Hinweise von Betreuenden zu verstehen und mit mehr Sicherheit weiter an deiner Hausarbeit oder Bachelorarbeit zu schreiben.

Betreuungsgespräche eröffnen neue Perspektiven

Betreuende beschäftigen sich oft seit Jahren mit ihrem Fachgebiet. Sie erkennen Zusammenhänge sehr schnell, entwickeln Ideen weiter und denken während eines Gesprächs häufig laut. Nicht immer ist dieser Denkprozess geradlinig. Ideen kommen auf, werden entwickelt, verworfen oder bleiben einfach im Raum stehen.

Studierende nehmen diese Gedanken auf, schreiben mit und überlegen gleichzeitig, welche Hinweise für die eigene Arbeit besonders wichtig sind. Oft entsteht der Eindruck, dass alles Gesagte wichtig ist und mitgeschrieben oder auch aufgezeichnet werden sollte. Dabei ist es eher so, dass Betreuende, wenn sie nicht konkret sagen, wie die Arbeit aussehen soll, Impulse geben, wie sie aussehen könnte. Grundsätzlich ist es so, eine beliebige Anzahl von Studierenden würde das gleiche Thema individuell bearbeiten, so dass mindestens ebenso viele unterschiedliche Arbeiten dabei entstehen würden. Angefangen bei der Forschungsfrage, der Methodik, der Literaturauswahl usw. Das bedeutet, auch für dein Thema gibt es nicht DIE eine Arbeit.

Aus diesem Grund lautet mein Rat, nimm die Hinweise deines oder deiner Betreuenden ernst, aber nicht ins kleinste Detail. Du musst und kannst nicht alle Hinweise umsetzen. Kläre am Ende des Gespräches die wichtigsten Aspekte (To-Do’s) mit deiner/deinem Betreuer:in ab und fasst sie gemeinsam zusammen. Verstehe die Hinweise und Verbesserungsmöglichkeiten, sei offen für diese Ideen und wäge sie ab.

Des Weiteren möchte ich Dir nun einige typische Aussagen vorstellen und erläutern.

Aussage 1: „Die Theorie könnten Sie noch etwas stärker herausarbeiten.“

Diese Rückmeldung begegnet mir besonders häufig. Viele Studierende verbinden sie zunächst mit einer einfachen Schlussfolgerung: „Ich brauche wahrscheinlich mehr Literatur.“ Deshalb werden weitere Quellen gesucht, zusätzliche theoretische Inhalte ergänzt oder vorhandene umfangreicher beschrieben.

Wenn ich eine solche Rückmeldung mit Studierenden gemeinsam betrachte, zeigt sich häufig ein anderes Bild. Ich frage gerne: „Warum hast du genau diese Theorie ausgewählt?“ Mit dieser Frage geht es nicht darum, die Theorie zu hinterfragen. Vielmehr interessiert mich, welche Aufgabe sie innerhalb der Arbeit übernimmt. Und genau darum geht es, zu hinterfragen, welchen Beitrag eine Theorie, ein Kapitel oder auch nur ein Absatz für den Fortgang der Arbeit und die Beantwortung der Forschungsfrage leistet.

Aus meiner Erfahrung wünschen sich Betreuende häufig, dass genau dieser Zusammenhang deutlicher wird. Das kannst du leicht herausfinden, wenn du dir folgende Fragen stellst, auch hier wieder bezogen auf den Theorieteil insgesamt, einzelne Kapitel und sogar Absätze.

  • Warum passt diese Theorie zur Forschungsfrage?
  • Wie hilft sie dabei, die Ergebnisse später einzuordnen?
  • An welcher Stelle greifst du sie im weiteren Verlauf deiner Arbeit wieder auf?

Oft entsteht dadurch bereits eine ganz andere Sicht auf die Rückmeldung.

Aussage 2: „Hier fehlt noch der rote Faden.“

Auch diese Aussage sorgt regelmäßig für Unsicherheit. Ein fehlender roter Faden lässt sich nicht an einer bestimmten Seite oder einem einzelnen Absatz festmachen. Häufig sind die einzelnen Kapitel für sich betrachtet sogar gut aufgebaut. Das Problem zeigt sich erst, wenn man die Arbeit oder ein Kapitel als Ganzes betrachtet.

Ein guter roter Faden beginnt schon bei der Forschungsfrage. Sie gibt vor, wohin die Arbeit führen soll. Die Gliederung bildet anschließend den Weg dorthin. Jedes Kapitel übernimmt auf diesem Weg eine bestimmte Aufgabe und bereitet den nächsten Schritt vor. Wie sich die einzelnen Schritte einer wissenschaftlichen Arbeit aufeinander aufbauen, habe ich im Beitrag Wissenschaftliche Arbeiten in 7 Schritten ausführlicher beschrieben.

Ein roter Faden ist dann vorhanden, wenn ein Leser deinem Gedankengang folgen kann, ohne selbst überlegen zu müssen, warum bestimmte Inhalte so und nicht anders platziert und formuliert sind. Dabei helfen einige einfache Ordnungsprinzipien. Häufig führt eine nachvollziehbare Argumentation vom Allgemeinen zum Speziellen: Zunächst wird ein größerer Zusammenhang erklärt, anschließend richtet sich der Blick immer stärker auf das konkrete Problem der Arbeit. Ähnlich funktioniert der Weg vom Einfachen zum Komplexen. Grundlagen und zentrale Begriffe werden zuerst geklärt, bevor komplexere Zusammenhänge analysiert oder diskutiert werden.

Das klingt selbstverständlich. In der Praxis sehe ich jedoch häufig, dass genau an diesen Stellen Brüche entstehen. Ein wichtiger Begriff wird erst verwendet und drei Seiten später erklärt. Ein sehr spezieller Aspekt wird ausführlich behandelt, bevor der größere Zusammenhang deutlich geworden ist. Oder ein Kapitel enthält interessante Informationen, deren Bedeutung für die Forschungsfrage erst einmal offenbleibt. Wenn wir gemeinsam nach dem roten Faden suchen, schaue ich deshalb weniger auf einzelne Formulierungen und mehr auf die Funktion der Abschnitte. Ich frage zum Beispiel:

  • Was soll der Leser nach diesem Kapitel verstanden haben?
  • Warum braucht er dieses Wissen für das nächste Kapitel?
  • Führt dieser Abschnitt näher an die Forschungsfrage heran?
  • Ist die Reihenfolge der Gedanken nachvollziehbar?
  • Sind die Grundlagen erklärt, bevor darauf aufgebaut wird?

Diese Fragen können auch dir bei der Verbesserung des roten Fadens behilflich sein. Der eigentliche rote Faden steckt in der inhaltlichen Logik der Arbeit. Der Leser versteht, woher du kommst, warum du gerade hier bist und wohin du als Nächstes mit ihm gehst.

Aussage 3: „Das müssten Sie noch etwas genauer begründen.“

Diese Rückmeldung empfinde ich häufig als sehr hilfreich. Denn in vielen Fällen ist die eigentliche Idee bereits vorhanden. Was noch fehlt, ist der Gedankengang, der den Leser dorthin führt. Deshalb frage ich häufig: „Wie bist du zu dieser Schlussfolgerung gekommen?“

Die Antwort folgt meist sehr schnell. Interessanterweise steht sie häufig noch nicht im (Kon-)Text. Gleichzeitig kann es auch ein Indiz dafür sein, wo die Theorie noch stärker herausgearbeitet werden sollte. Genau darin liegt oft die eigentliche Überarbeitung.

An dieser Stelle kannst du dir merken: Du bist auf dem richtigen Weg, gehe ihn noch etwas weiter, grabe etwas tiefer und ziehe die Ausführungen aus der Theorie ausreichend zusammen.

Aussage 4: „Das müssten Sie noch etwas wissenschaftlicher formulieren!“

Auch diese Rückmeldung begegnet mir häufig. Und ich erlebe immer wieder, dass Studierende daraufhin versuchen, ihren Text komplizierter zu machen. Sätze werden länger, einfache Begriffe durch vermeintlich wissenschaftlichere ersetzt und plötzlich entstehen Formulierungen, die zwar akademisch klingen, aber deutlich schwerer zu verstehen sind. Genau darum geht es bei wissenschaftlicher Sprache aus meiner Sicht selten. Entscheidend ist vielmehr, dass ein wissenschaftlicher Text präzise, sachlich und nachvollziehbar formuliert ist. Der Leser sollte genau erkennen können, was du aussagen möchtest, worauf sich deine Aussage bezieht und auf welcher Grundlage du sie triffst.

Ein einfaches Beispiel: „Viele Arbeitnehmer finden Homeoffice besser, weil sie dadurch flexibler sind.“ Der Gedanke ist verständlich. Für einen wissenschaftlichen Text bleiben jedoch einige Fragen offen: Was bedeutet „viele“? Was genau ist mit „besser“ gemeint? Und worauf stützt sich diese Aussage?

Wissenschaftlicher könnte die Formulierung beispielsweise lauten: „Die Ergebnisse der Studie xy zeigen, dass die Befragten insbesondere die größere zeitliche Flexibilität als Vorteil der Arbeit im Homeoffice wahrnehmen.“ Diese Formulierung ist kaum komplizierter. Sie ist vor allem genauer. Wir wissen, woher die Erkenntnis stammt, wer diese Einschätzung äußert und worin der wahrgenommene Vorteil besteht.

Wenn Studierende mit der Rückmeldung „wissenschaftlicher formulieren“ zu mir kommen, schaue ich deshalb weniger nach besonders anspruchsvollen Wörtern. Mich interessieren vielmehr die Stellen, an denen Aussagen noch zu allgemein, wertend oder ungenau bleiben. Das kannst du auch herausfinden, indem du Fragen stellst, wie:

  • Ist eindeutig, wer oder was gemeint ist?
  • Wird deutlich, worauf sich eine Aussage stützt?
  • Sind zentrale Begriffe präzise verwendet?
  • Werden Bewertungen begründet oder durch Ergebnisse beziehungsweise Literatur gestützt?
  • Lässt sich der Gedanke auch für jemanden nachvollziehen, der meine Überlegungen vorher noch nicht kennt?

Außerdem solltest du Umgangssprache und Floskeln, wie natürlich, offensichtlich, bekanntermaßen, oder sehr wichtig vermeiden. Solche Wörter wirken zunächst selbstverständlich, transportieren aber häufig eine ungerechtfertigte und zuweilen nicht belegbare Bewertung. Aus meiner Erfahrung verändert genau dieser Blick häufig das Verständnis von wissenschaftlicher Sprache. Es geht weniger darum, wissenschaftlich zu klingen, sondern darum, wissenschaftlich zu argumentieren und dabei präzise zu formulieren.

Fazit: Betreuungsgespräche bringen wissenschaftliche Arbeiten weiter

Aus meiner Sicht gehören Betreuungsgespräche zu den wertvollsten Bestandteilen einer wissenschaftlichen Arbeit. Sie bieten die Möglichkeit, eigene Gedanken zu besprechen, neue Perspektiven kennenzulernen und die bisherige Richtung der Arbeit gemeinsam zu reflektieren. Dabei entstehen häufig neue Ideen. Manchmal wird eine Forschungsfrage präzisiert, eine Theorie erhält mehr Bedeutung oder die Gliederung entwickelt sich weiter. Solche Veränderungen erlebe ich regelmäßig. Sie gehören aus meiner Sicht zu einem ganz normalen wissenschaftlichen Arbeitsprozess.

Betreuende und Prüfende geben Hinweise darauf, wie sich eine wissenschaftliche Arbeit weiterentwickeln kann. Wer lernt, diese Hinweise richtig einzuordnen, gewinnt häufig nicht nur Klarheit für die nächsten Schritte, sondern entwickelt auch ein besseres Verständnis für das wissenschaftliche Arbeiten insgesamt.

Die eigentliche Herausforderung beginnt häufig erst danach. Aus vielen Gedanken und Anregungen entsteht Schritt für Schritt ein konkreter Arbeitsplan. Genau dabei wünschen sich viele Studierende Orientierung.

Du hast Rückmeldungen aus einem Betreuungsgespräch mitgenommen und bist dir unsicher, was sie für deine Arbeit konkret bedeuten? Dann können wir sie gemeinsam sortieren und daraus die nächsten Schritte für deine Arbeit ableiten. Schreib mir gern und erzähl mir kurz, wo du gerade stehst.

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